Eine kurze Geschichte der nahöstlichen Kolonien

Der gemeine Ossi ist bekanntlich demokratieunfähig. Trotz dieser diktaturgenetisch bedingten Erbkrankheit, Morbus Wanderwitz genannt, darf er wählen wie richtige Bundesbürger auch. Das führt zu Irritationen im Kernland, denn die fünf Kolonien halten sich nicht an die ungeschriebenen Regeln. So glaubt der Ossi offenbar, eine Partei sei wählbar, nur weil sie legal zur Wahl antritt. Ein Blick in die jüngere Geschichte hilft dem Verständnis auf die Sprünge.

Nach dem Konsumputsch 89 wähnten die Ossis sich befreundet mit den Wessis, was eigentlich nur durch eine Werbefernseh-Vergiftung vernünftig zu erklären ist. Sie träumten von Partnerschaften mit West-Firmen, sogenannten Joint Ventures, um die Wirtschaft im Osten zu sanieren. Eine der ersten Lektionen in Marktwirtschaft bestand darin, solche Naivität zu bestrafen, denn am besten lernt man durch eigene Erfahrung, vorzugsweise schlechte. Doch das so mit wertvollem Westwissen beschenkte Ostvolk erwies sich als wenig dankbar, sondern murrte, weil die "Joint Ventures" nur dazu dienten, Fördergeld in Westfirmen umzuleiten, weil die Treuhand den Rest des Volkseigentums, das plötzlich gar nicht mehr dem Volk gehörte, an Wessis verramschte, und weil nun viele von denen, die nicht in den Westen gegangen waren, arbeitslos wurden. Wahrscheinlich hatten sie einfach nur den positiven Sinn der Übung nicht verstanden und fühlten ihr Vertrauen mißbraucht.

In der DDR war Vertrauen essentiell gewesen; ohne gegenseitiges Vertrauen hätte die Schattenwirtschaft, in der fast jeder irgendwas besorgen konnte oder jemanden kannte, der etwas besorgen konnte, was unter dem Ladentisch gehandelt und mit anderen begehrten Waren oder Westgeld bezahlt wurde, nicht funktionieren können. Wer damals zu bescheißen versuchte, wurde aus dem Kreislauf des gegenseitigen Sachenbesorgens ausgeschieden und mußte sich mit dem mageren offiziellen Warenangebot bescheiden. Das wollte natürlich keiner, und genau darum war Vertrauen in der DDR eine extrem harte Währung.

Nun aber kam die Marktwirtschaft, und es stellte sich alsbald heraus: Der Ostgeborene lernt nur langsam, der hält Vertrauen immer noch für wichtig und Bescheißen für falsch. Die Altbundesbürger nahmen diese Lernschwäche als Ansporn, nachdem sie die Ossis angemessen beschissen und dafür noch ausgelacht hatten: Sie schickten Entwicklungshelfer, die alle wichtigen Stellen und Posten besetzten. Das waren jetzt keine Superspezialistenexperten, sondern eher so der Bodensatz westdeutscher Behörden, doch für die Kolonien reichte das; man wollte schließlich nicht seine besten Leute bei diesen undankbaren Lernbehinderten im östlichen Buschland verheizen.

Die Ossis hatten noch mehr zu lernen. Über Demokratie und Wahlen, zum Beispiel. Der dicke Kohl versprach blühende Landschaften, natürlich wider besseres Wissen. Und der Ossi lernte, nämlich, daß im Westen das, was vor der Wahl gesagt wird, danach nichts mehr zählt, ja, mehr noch, daß die bloße Erwartung, eine Partei wolle sich an Wahlversprechen halten oder gar daran messen lassen, von unheilbarer Dummheit und völligem Unverständnis demokratischer Regeln zeugt. Wahlversprechen sind wie Werbefernsehen, denn Freiheit, die echte, westliche, demokratische Freiheit, schließt auch die Freiheit zu lügen mit ein. Natürlich nur, falls der Richtige lügt. Jeder darf das nicht.

Nachdem der Kohl sich also nach Ansicht der mittlerweile meist arbeitslosen Mecker-Ossis als Rohrkrepierer erwiesen hatte, dachten die sich, nuu, mir ham ja nu Demogradie, da wählen wir einfach den Schröder von der SPD. Die SPD ist schließlich eine Arbeiterpartei. Eigentlich ist es erstaunlich, auch noch acht Jahre nach der Annexion solch immensen Lernbedarf zu sehen. Der Schröder jedenfalls lachte und degradierte die Arbeitslosen noch weiter zu Hartz-IV-Empfängern oder Billiglöhnern. Die folgende Hinwendung zur Raute des Grauens, über deren Amtszeit es nun wirklich schwerfällt, irgendetwas Positives zu sagen, läßt sich rational schon nicht mehr erklären. Vielleicht hat man ihr einfach nicht zugetraut, großen Schaden anrichten zu können, und sie deshalb gewählt. Quasi als kleinstes Übel. Sie hat diesen Eindruck auch durch ihr Verhalten befördert, zunächst.

Derweil, während der vermerkelten Jahre, wuchs und gedieh eine Schlange am Busen des Wahlvolkes, die nun unsere schöne Demokratie mit ihrem Giftbiß zu töten sucht. Dazu bedient sie sich perfidester Mittel. So propagiert sie die Einhaltung von Gesetzen: Zum Beispiel möchte sie unser im Weltmaßstab äußerst liberales Asylgesetz, nein, nicht abschaffen oder ändern, sondern einfach nur konsequent anwenden. Es ist kein Wunder, wenn die sich selbst als demokratisch bezeichnenden Parteien solch ein unmenschliches Ansinnen vehement ablehnen. Wo kämen wir hin, wenn sich die Regierung plötzlich an Gesetze halten sollte? Das neue Parteiwesen tritt tatsächlich auch ein für Frieden und Verständigung mit einem Land, das, trotz übler Erfahrung mit uns, Rohstoffe im Überfluß zu günstigen Preisen liefern würde, wie früher schon einmal. Na, und daß das niemand wollen kann, liegt wohl klar auf der Hand. Unverzeihlich ist es auch, bei strittigen Fragen dem Volk die Entscheidung überlassen zu wollen, denn daß Volksabstimmungen vollkommen undemokratisch sind, ist wohl offensichtlich: Sie sind schwer planbar, erfordern großen, daher teuren Medieneinsatz, sie können trotzdem zu einem unerwünschten Ergebnis führen und sind dann schwieriger wieder rückgängig zu machen als irgendwelche parlamentsinternen Wahlen!

Das aus übler Erfahrung entstandene Demokratismusverständnis der Ossis ist also leicht zusammenzufassen: Wählste Kohl, kriegste statt blühender Landschaften Industriebrachen, wählste Schröder, kriegste statt 'nem Job Hartz IV, wählste Merkel, kriegste ein paar Millionen alleinreisende Moslems, und wählste die Grünen, kannste zugucken, wie unausgebildete Ahnungslose, die noch nie gearbeitet haben und dies auch nie nötig haben werden, auf den rauchenden Trümmern herumtrampeln, die die anderen übriggelassen haben. So denkt er also, der Ossi, statt in Dankbarkeit und Ehrfurcht niederzufallen auf seine Knie und den Befreiern aus dem Westen zu danken für all die über der Ostzone verschütteten Wohltaten. Und es wird noch schlimmer, denn der Ossi will womöglich noch Frieden, Umweltschutz und bezahlbare Energie, und er will keine Waffenlieferungen in Kriegsgebiete, keine Messermorde und keine Gendersprache.

Was ist nun zu tun, damit auch die Ossis mal ankommen im demokratistischen Deutschland und wieder die richtigen Parteien wählen statt die falschen? Rausschmeißen kann man sie nicht mehr, obwohl die Freien Sachsen genau solche Sezessionsabsichten hegen. Es sind zu wenige, und eben nur Sachsen; da sind noch vier andere Bundesländer. Überzeugung, vulgo einseitige Dauerberieselung durch die Medien, wurde schon probiert, dagegen sind die Ossis resistent, das kennen sie von früher. Es bleibt also nur noch Zwang. Ein großer Schritt in die richtige Richtung wäre ein Verbot der AfD, denn es ist ganz offensichtlich, daß mit dem Verschwinden der schwefligen Parteigenossen auch ihre Ideen verschwinden würden. Die fünf ostzonalen Leprakolonien würden wieder brav die CDU wählen, oder die SPD, und als Zünglein an der Waage könnten sich FDP, Grüne und sog. Linke an der Fünf-Prozent-Hürde miteinander um lauschige Plätzchen auf weichen Regierungssesseln zanken. Natürlich müßte der Verfassungsschutz bereitstehen, andere sich gründende Parteien schon im Kindbett zu erwürgen, sie zu verbieten und ggf. ihre Mitglieder in Umerziehungslagern zum Demokratismus zurückzuführen. Dafür bräuchte der Verfassungsschutz mehr Befugnisse und mehr Geld, denn er muß die faschistischen Nazibestrebungen der Rechtsextemisten rechtzeitig erkennen, bevor diese sich ausbreiten, etablieren und organisieren können. Das geht nur mit lückenloser Überwachung und dem Einsatz von V-Männer*Innen und natürlich auch V-Frauen.

Da werden sie wieder schreien, die Ossis, die Stasi sei zurück, aber dabei handelt es sich um verachtenswerten Whataboutismus. Während die Stasi nämlich Handlanger des menschenverachtenden kommunistischen SED-Unrechts-Unterdrückungsregimes gewesen ist, verteidigt der Verfassungsschutz die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Für solche edlen Werte kann man doch wirklich mal ein paar Einschränkungen der Meinungsfreiheit in Kauf nehmen, wenn man klar auf der demokratistischen Seite des politischen Spektrums steht. Zumal diese kleinen Einschränkungen nur temporär erfolgen, solange nur, bis die bislang noch nicht strafbaren Meinungsdelikte in den Volksverhetzungs-Paragraphen integriert werden, um denen, die Demokratismusfeinde wählen, ganz legal das Wahlrecht zu entziehen, notfalls auch rückwirkend. Und dann haben sich endlich alle wieder ganz dolle lieb. Ja wirklich, großes Indianerehrenwort!