Dienen in der Volksarmee

Wie die meisten Staaten hatte auch die DDR eine Armee. Aus heutiger Sicht durchaus überflüssig, weil die Russen ohnehin mit großer Truppenstärke das Land bewachten; offizielle Begründung für die Existenz der Nationalen Volksarmee (NVA) war, sie solle den Feind aufhalten, bis die Atomwaffen einsatzbereit sind. Das klang schon damals bescheuert, wurde aber mit großem Ernst als Argument vorgebracht.

Nicht, daß Argumente nötig gewesen wären, es gab ein Wehrdienstgesetz, und irgendwann bekam der junge DDR-Mann einen Einberufungsbefehl. Dann mußte er für anderthalb Jahre zum Grundwehrdienst einrücken. Das Ganze war nicht nur eine Pflicht, sondern eine sogenannte Ehrenpflicht. So wurde das tatsächlich genannt. Der prospektive Vaterlandsverteidiger konnte natürlich verweigern, dann kam er zwei Jahre in den Knast, und sobald er wieder draußen war, bekam er einen neuen Einberufungsbefehl, den er dann wieder verweigern konnte, falls er Lust auf nochmal zwei Jahre Knast hatte. Und so weiter. Für religiös Gebundene gab es immerhin die Möglichkeit, den Dienst an der Waffe abzulehnen. Solche Jungs dienten dann in Bauregimentern mit Schippe statt Kalaschnikow und wurden argwöhnisch von der Stasi beäugt.

In meinem Fall, ich war immerhin verurteilter Republikflüchtling, mußte man zunächst meine Wehrwürdigkeit feststellen. Dies geschah in einem Gespräch, zu dem mich der Abschnittsbevollmächtigte (ABV, ein Polizist mit spezieller regionaler Zuständigkeit) in sein Büro lud. Bereits nach wenigen Minuten stellte sich heraus: Ich bin würdig. Das war gut, denn mit Mühe hatte ich mir die Möglichkeit erkämpft, trotz meiner staatsfeindlich geprägten Biografie das Abitur nachholen und studieren zu können. Das Problem daran war, daß man als Mann erst studieren durfte, nachdem man seinen Grundwehrdienst geleistet hatte. Einberufen wurde man aber nach dem Zufallsprinzip (in Einzelfällen mag Absicht dahintergesteckt haben) im Alter von 18 bis 26 Jahren. Wer so schnell wie möglich ein Studium aufnehmen wollte, konnte mit bewilligtem Studienplatz eine frühere Einberufung erreichen. Gut, oder? Der Pferdefuß daran: Man bekam den Studienplatz nur dann sofort bewilligt, wenn man eine geplante Einberufung nachweisen konnte. Also Einberufung sofort, falls Studienplatz, Studienplatz sofort, falls Einberufung. Da beißt sich der sozialistische Goldesel in den Schwanz, könnte man meinen, aber natürlich stand dahinter ein geheimer Masterplan mit dem Ziel völliger Kontrolle über die Studierwilligen. Am Ende bekam man nämlich meist beides, war aber moralisch erpreßbar. „Wollen sie nicht länger dienen?“, „Was tun sie denn für den Staat, wenn der Staat so viel für sie tut?“, so ging das da ab. Konnte man ignorieren oder gar mit Widerworten bedenken, kam dann aber manchmal erst mit über 26, dem laut Gesetz höchstmöglichen Einberufungsalter, zum Studieren.

Am zweiten Mai 1989 stand ich mit einem Rudel anderer Unglücklicher auf dem Magdeburger Domplatz vor dem Wehrkreiskommando. Wir wurden in ein sehr entlegenes Eckchen des Hauptbahnhofs geführt und in Züge verladen. Meiner fuhr nach Hagenow. Das Nest liegt kurz vor dem Rand der Welt, damals jedenfalls; ich bin sicher, heute handelt es sich um eine pulsierende Metropole. Noch einmal drei Kilometer außerhalb des ohnehin schon außerhalb von praktisch allem außer Äckern gelegenen Kaffs lag „das Objekt“. Dort ging es stracks zur Kleiderkammer, und alle bekamen eine ziemlich große Zeltplane, prall gefüllt mit Soldatenzubehör. Stahlhelm, Felddienstuniform, Stiefel, Bettwäsche, Turnzeug gelb-rot, Ausgehuniform, Gasmaske, zwei rucksackartige Tarntaschen, gefüllt ich weiß nicht mehr womit, und sicherlich noch einen Haufen anderes Zeug, dessen ich mich nicht mehr entsinne.

Beladen also wie Knecht Ruprecht kam ich auf meinem „Stube“ genannten Zimmer an: vier doppelstöckige Gitterrohrbetten, schmale Spinde von Sperrholz, ein Tisch, acht Hocker. Dort warten bereits ein paar „E-s“, Entlassungskandidaten, deren letztes Dienstdrittel gerade begonnen hat, und „Zwischenpisser“, die ins zweite Drittel eintraten, sehnsüchtig auf den Neuen. Nicht, weil sie frische Gesellschaft brauchten, sondern weil die Neuen, „Glatte“ genannt, Diener sind. Sie müssen sämtliche Reinigungsarbeiten erledigen, sich in der Frühe vor der Kantine anstellen und für alle Essen holen und dergleichen mehr. Diese Praxis war überall in der Armee üblich und wurde auch von den Vorgesetzten toleriert, sogar gefördert, weil die erfahreneren Soldaten dafür sorgten, daß die Neuen nicht aufmucken.

Für Notfälle hatte ich drei mit Wodka befüllte Wasserflaschen eingeschmuggelt und mir vorgenommen, sie erst zu schlachten, wenn ich es gar nicht mehr aushalte. Es war bereits am ersten Abend soweit. Immerhin war ich schlau genug gewesen, eine für mehrere Personen hinreichende Menge mitzunehmen, so daß ich einen ausgeben und mir so ein paar kleine Sympathiepunkte sichern konnte. Das bewahrte mich nicht davor, mir mit irgendeinem witzig gemeinten Spruch den Zorn eines Entlassungskandidaten zuzuziehen, der mir ein fährnisreiches Halbjahr ankündigte.

Am nächsten Tag begann das Training, das aus normalen jungen Menschen gehorsame Soldaten machen sollte. Um eine erfolgreiche Killermaschine zu sein, ist‘s anscheinend besonders wichtig, mit möglichst viel Gepäck im Gleichschritt marschieren zu können. Diese grausige Sinnlosigkeit durften wir den ganzen sonnigen Frühlingstag genießen. Ich weiß noch, wie sehr ich mich darüber wunderte, daß Menschen mit allen optischen Anzeichen des Erwachsenseins begeistert Kommandos brüllten, „links zwo drrrei vierrr“, „rrrreeeeechts-ummm“ und so, ohne ob der von mir sehr deutlich empfundenen Peinlichkeit dunkelrot anzulaufen. Nein, die fanden das gar nicht peinlich, sondern hatten Spaß daran, und vielleicht ist dies das beste Kriterium für diese Berufswahl: Hast du Freude an sinnlosem Befehlsgebrülle? Kannst du deine Stiefel nur richtig herum anziehen, wenn jemand sie dir passend hinstellt oder Zettelchen mit „rechts“ und „links“ drankleben (falls du lesen kannst)? Dich will sonst keiner haben, du kannst nichts, weißt nichts und magst auch nichts lernen, hast aber trotzdem Lust darauf, andere herumzukommandieren? Hey, genau dich suchen wir, komm zu uns, zur Armee!

Nun, ich will nicht unfair sein. Nicht jeder dort war komplett unfähig oder idiotisch. Ein Hauptmann hat sogar mal gesagt: „Ich kann zwar Nacht befehlen, aber davon wird‘s ja noch nicht dunkel.“ Das war für einen Offizier unglaublich scharfsinnig! Auch unter den Berufsfeldwebeln fanden sich oft praktisch veranlagte Leute; klar, die mußten alles organisieren und den Laden am Laufen halten. Dazwischen aber gab es die Rangstufen der Fähnriche. Das waren Leute, die richtig gern Offizier geworden wären, jedoch bereits an den nicht eben hohen Anforderungen dafür scheiterten. Ohne Umschweife gesagt: Imbezile, deren größtes Erfolgserlebnis im Leben vor der Armee das erfolgreiche Benutzen des Töpfchens gewesen sein muß. Allerdings braucht jede Gesellschaft eine Art Mülleimer, in dem die ganzen Trottel und Unfähigen leben können, damit sie nicht auf der Straße herumlungern, kriminell werden oder in richtigen Betrieben Schaden anrichten. Als Idiotensammelbecken ist so eine Armee ideal. Blöd nur, wenn auch normale Leute dort dienen müssen. Für die normalen Leute.

Eine Armeemarotte, die mich extrem erschütterte, waren merkwürdige Formulierungen. Es hieß beispielsweise nicht: „Rasieren sie sich gefälligst!“, sondern „Rasur durchsetzen“. Nun könnte man annehmen, angesichts der geballten Idiotie und der vielen Quälereien wäre sowas ganz leicht zu ertragen gewesen, das war aber nicht so. Ich zuckte bis zum Schluß immer zusammen, wenn „die Rasur“, „der Schuhputz“ oder sonstwas „durchgesetzt“ werden sollte.

An andere Begriffe gewöhnte man sich schneller. Von den Mitsoldaten war der Nachname bekannt. Theoretisch hatte jeder einen eigenen Vornamen, praktisch wurde immer nur Soldat Sowieso oder Genosse Sowieso gerufen, weshalb sich auf den Stuben durchgesetzt hatte, alle Leute Bernd plus Nachname zu nennen. „Bernd Hoffmann, reich mal den Aschenbecher rüber“, „Hier isser, Bernd Müller“. Das funktionierte. Dann gab es „Glatte“. Das waren wir, die frisch Einberufenen. Glatte, Tagesäcke, solche Bezeichnungen waren normal. Man blieb ein halbes Jahr Glatter, bis dann Neue kamen, mit deren Erscheinen diese zu Glatten wurden und man selbst zum „Zwischenpisser“ aufrückte. Der Zwischenpisser hatte dafür zu sorgen, daß die Glatten spurten, damit die Entlassungskandidaten sich nicht selbst kümmern mußten.

Es gab neben den zahlreichen Pflichten für die Glatten auch mehr oder weniger lustige Spiele mit ihnen. „Schildkröte“ zum Beispiel; da bekam ein Glatter einen Stahlhelm auf den Kopf, welche an die Knie und an die Ellenbogen, und wurde mit Schmackes über den glattgebohnerten Flur geschoben. Oder Glattenrennen: Zwei oder mehr Glatte mußten die Gummihosen ihrer Schutzanzüge anziehen, die gegen Chemiewaffen helfen sollten und am ehesten heutigen Anglerhosen ähnelten, also Gummistiefel mit angeschweißter, sehr weiter Gummihose. Diese Hosen wurden nun mit Wasser gefüllt, und die Glatten mußten ein Wettrennen damit machen. Optisch ein Knaller. Die „Heimfahrt“ war auch spaßig. Ein Entlassungskandidat legte sich aufs Bett, an dem ein Glatter rütteln mußte. Ein anderer las die Bahnstationen vor, die der E nach der Entlassung bis zu seinem Heimatort passieren würde, und war die Stube im Parterre, liefen draußen vor dem Fenster auch noch Glatte mit Ästen oder Strauchbüscheln vorbei, um die Zugfahr-Simulation noch echter wirken zu lassen. Es gab auch fiesere Spiele, aber die kenne ich nur vom Hörensagen.

Zu meinem Glück wurde ich nach wenigen Tagen schon an einen anderen Standort versetzt. Glück deshalb, weil ich dem Entlassungskandidaten entrinnen konnte, der mir schon ein schweres erstes Halbjahr angekündigt hatte. Am neuen Standort Stern-Buchholz, etwas südlich Schwerins gelegen, bestand die gesamte Kompanie aus frisch Einberufenen. Nicht, daß wir deswegen weniger drangsaliert worden wären, nur anders, und von anderen Leuten.

Wer nämlich nicht genug Resistenz gezeigt hatte während der Lehre oder des Abiturs und dem Propagandasperrfeuer erlegen war, weil er schnell seinen Studienplatz haben wollte, einfach nur ein bißchen doof war, oder beides, der wurde Unteroffizier und mußte drei Jahre bei der Armee bleiben. Diese Jungs hatten es in normalen Kompanien nicht so leicht, denn ein Entlassungskandidat ließ sich von solchen Tagesäcken nichts sagen. In einer Glattenkompanie aber waren sie, wenigstens in den ersten Monaten, wie kleine Könige. Manche von denen, besonders die weniger hellen Köpfe, genossen ihr bißchen Macht weidlich. Ich selbst hatte einerseits sehr viel und andererseits weniger als andere unter denen zu leiden. Sehr viel, weil einer mich mal erwischt hatte, als ich eine Faustan nahm. Faustan waren wirksame Scheißegal-Pillen, natürlich verschreibungspflichtig. Ich bekam sie unter der Hand von meiner Ex-Freundin Antje, die damals in einer Einrichtung für psychisch Kranke arbeitete. Die Entdeckung, daß mir alles egal ist, weil ich Pillen nehme, verbreitete sich schnell, so daß ich viele Schrankkontrollen und so weiter zu erdulden hatte. Es wurde nie etwas gefunden, aber mein Spitzname wurde „Mister Dobing“, in dieser Schreibweise. Wie schon erwähnt: Die Leute waren nicht die hellsten Kerzen auf der Torte.

Sonst verstand ich mich recht gut mit der unteren Befehlsebene, vor allem, weil viele von denen Schach spielten. Da machte ich gerne mit, und nach kurzer Zeit gab ich Simultanvorstellungen auf der Kompanie. Und wer gerade ein Simultan gibt, der kann natürlich nicht gleichzeitig eine Toilette putzen oder den Flur wischen. Noch lieber spielte ich aber Blindpartien, weil ich mich dazu hinlegen konnte. Ich zog mir dann einfach ein Kissen über die Augen, zur Konzentration, behauptete ich, und sagte die Züge an. Noch heute erinnere ich mich an das angenehme Gefühl, einen arroganten Sack in so einer Partie mit dem Seekadettenmatt erwischt zu haben. Als er mein Damenopfer annahm, kicherte er und meinte: „Nicht gesehen, was“, und es war wirklich wirklich nett, darauf erwidern zu können: „Doch. Matt in zwei Zügen! Läufer schlägt f7 Schach, König e7, Springer d5 matt.“

Mit der mittleren Befehlsebene, Zug- und Kompanieführern, verstand ich mich eher schlecht. Das lag nahezu ausschließlich an meiner Unerfahrenheit und Dummheit. Wer sich bei der Armee clever anstellt, der wirkt beschäftigt und schafft sich Rückzugsräume. Unser Sanitäter beispielsweise war offiziell in seinem Sani-Raum, wo er sich jeden Tag mit Fagusan betrank, einem Hustensaft mit erheblichem Anteil Äthanol. Hatte auch nie Husten, der Mann. Aber er hatte eine Rechtfertigung, zu sein, wo er war, und so fragte niemand nach ihm. Andere waren Musiker, verschwanden morgens zur Regimentskapelle in den Übungsraum und kamen abends zurück. Leistungsportler hatten auch ein leichtes Leben, sie durften trainieren und wurden nicht mit alltäglichem Kram behelligt.

Bloß ich, für meine 19 Jahre noch recht unreif, verstand es nicht, mich unsichtbar zu machen. Noch schlimmer, ich neigte deutlich dazu, überall anzuecken, was bei der Armee immer eine blöde Idee ist, weil praktisch jeder einem das Leben schwer machen kann und das auch mit großer Freude tut. Andererseits war ich aber auch nicht so dumm, alles begeistert mitzuspielen, sondern versuchte mich zu drücken, wo es nur ging. Darin war ich ziemlich gut. Zum Beispiel mußten alle Soldaten jeden Morgen direkt nach dem Wecken um 6 Uhr draußen Frühsport machen, im Sommer wie im Winter. Damit gemeint war nicht ein bißchen rumhampeln an frischer Luft, sondern ein flotter 3000-Meter-Lauf. Jeden Tag, vor dem Frühstück, auch im Winter! Ich mußte da bloß ein einziges Mal mitlaufen, weil ich vergessen hatte, ein Attest, daß derartige Tätigkeiten meiner Gesundheit schaden könnten, rechtzeitig verlängern zu lassen.

Überhaupt waren manche Armeeärzte unerwartet zugänglich und befreiten einen von allem möglichen, weil sie auch bloß normale wehrpflichtige Reservisten waren, Mitleid hatten mit ihren Leidensgenossen, und sich den Teufel scherten um Vorschriften. Andere dagegen, die direkt bei der Armee angestellt waren, ließen sich normalerweise noch nicht einmal dann erweichen, wenn jemand richtig krank war. Einmal hatte ich eine Mittelohrentzündung, der Eiter lief aus meinem Ohr, und ich hatte ziemlich unangenehme Schmerzen. Kam ich also Samstag Vormittag zur Untersuchung und sollte weggeschickt werden und am Montag wiederkommen. Zum Glück konnte ich die Leute überzeugen (viel Energie für Konflikte hat man in diesem Zustand nicht!) und kam sofort in das Krankenhaus des Stützpunktes und wurde mit Antibiotika behandelt.

Auch die allgemeine Dummheit der Vorgesetzten half; die Narbe unter meiner linken Brustwarze erklärte ich mit „Mir wurde als Kind ein Muskel auf das Herz genäht, weil es zu schwach war“, und nur wenige glaubten das nicht. Im Rückblick wäre die Zeit bei der Armee eine wirklich gute Gelegenheit gewesen, regelmäßig Sport zu treiben, sich zu bewegen, in Form zu kommen und dergleichen, aber damals fand ich das alles nur anstrengend und unnütz.

Glück im Unglück hatte ich mit meiner Dienststellung. Zu einer Einheit sogenannter motorisierter Schützen einberufen, also zur Infanterie, bestand meine Aufgabe gerade nicht darin, wie fast alle anderen auf irgendeinem Acker durch den Dreck zu kriechen und im Winter dabei die Wattejacke durchzuschwitzen. Nein, ich hatte das Glück, zum „Richtlenkschützen“ berufen zu sein. Das ist der Typ, der im Schützenpanzer oben im Turm sitzt und mit Kanone und Maschinengewehr schießt und deswegen nicht durch Brombeerhecken robben muß. Allerdings mußten wir Theorie lernen, Silhouetten von NATO-Fahrzeugen, Entfernungsmessung und Vorhaltewinkel. Und, für die damalige Zeit (wir schrieben das Jahr 1989) topmodern, es gab in unserem Stützpunkt ein Computerkabinett, auf dessen Rechnern ein eigens entwickeltes Trainingsprogramm lief. Natürlich in DDR-üblicher 8-Bit-Technik und mit extrem pixeliger und langsamer Grafik; mein Atari 800XL, den ich mir für viel eingetauschtes Westgeld im Intershop gekauft hatte, lieferte wesentlich flüssigere Grafik in jedem billigen Spiel. Alles in allem, fand ich, war es besser, ein wenn auch langsames und langweiliges Computerspiel zu spielen, als mich draußen im Schlamm zu wälzen auf Befehl, zumal in der kälteren Jahreszeit.

Es gibt aus der Armeezeit eigentlich nichts zu berichten, es war komplett verlorene Zeit, die ich verbrachte mit Ärger haben, mich betrinken, mehr Ärger haben, Unsinn anstellen, noch mehr Ärger haben, Schnaps schmuggeln, richtig Ärger haben und so weiter. Meine Standardstrafe bestand in sogenannter Ausgangs- und Urlaubssperre. Nun war es damals nicht wie bei der Bundeswehr, bei der zur gleichen Zeit die Wehrpflichtigen alle zwei Wochen das Wochenende zu Hause verbringen konnten, nein, Urlaub war eher ein seltenes Ereignis, das es nur alle zwei, drei Monate mal gab. Für die anderen, ich mußte noch länger warten, bis zu 19 Wochen. Das war betrüblich, und theoretisch hätte ich das Objekt auch nicht verlassen dürfen, aber ich kletterte, wenn mir bekannte Leute Wache schoben, an passender Stelle über den Zaun. Zurück kam ich durchs Tor, denn die Ausgangsberechtigung wurde nur beim Verlassen des Objektes kontrolliert, bei Rückkehrern galt die Kontrolle eher versteckten Schnapsflaschen. Später, als die ersten Kopierer auftauchten, fälschte ich eine Ausgangskarte und mußte dann nur noch aufpassen, daß mich niemand hinausgehen sah, der um meine Ausgangssperre wußte.

Einmal wurde ich auch eingesperrt. Jede Dienststelle hatte für Kurzzeitstrafen einen kleinen Knast. Dort landete ich, weil ich mal wieder Urlaubssperre hatte. Fast der gesamte Rest der Kompanie verabschiedete sich in den Urlaub, während ich Dienst schob und dem Abschiedsappell beiwohnen durfte. Dabei schlief ich ein. Ich schlief ein, weil ich fast nicht geschlafen hatte. Und ich hatte fast nicht geschlafen, weil ich die ganze Nacht feiern war. Ich hatte mich vollkommen betrunken und nach dem Aufstehen auch noch eine halbe Flasche Sekt gefrühstückt. Mein Zustand blieb nicht unbemerkt, und ein Tribunal aus Kompaniechef, seinem Stellvertreter und dem Hauptfeldwebel nahm mich ins Verhör. Irgendwann behauptete der Hauptfeld, ich könne ja keinen korrekten Satz mehr formulieren. Die Botschaft erreichte mein Hirn, und es fand eine nicht so schlaue Antwort, nämlich, daß ich, was das Formulieren korrekter Sätze betreffe, dies unter beliebigen Umständen besser könne als er, der Hauptfeldwebel. In der Sache traf diese Behauptung zweifellos zu, die Situation aber hätte eine etwas defensivere Strategie erfordert. Der Mann wurde wütend und begann, mich zu würgen, in der Hoffnung, ich möge mich wehren und er könne dann mit den ihm wohlgesinnten Zeugen einen Angriff auf Vorgesetzte konstruieren. Ich bin aber nicht besonders aggressiv veranlagt, wenn ich besoffen bin schon gar nicht, und so wunderte ich mich nur, grinste blöd und sackte auf wahrscheinlich recht unelegante Weise zusammen. Der Kompaniechef beendete die skurrile Aktion, und ich wurde in den Knast gebracht, wo ich mich erstmal richtig ausschlief.

Knast hieß, eine von drei Einzelzellen, etwa anderthalb Meter mal zweifünfzig, mit Gitter davor. Dort sollte ich also die nächsten drei oder vier Tage verbringen, und der Feind hieß Langeweile. Zwar hätte ich auf der Kompanie auch nichts zu tun gehabt, das Problem bestand darin, daß im Knast verbrachte Zeit nicht als Wehrdienst zählte und nachgedient werden mußte. Das war keine besonders verlockende Perspektive, aber nun ohnehin nicht mehr zu ändern. Erwacht also aus meinem Erholungsschlaf, altersbedingt mit nur geringfügigen Katersymptomen belastet, wollte ich gerade damit loslegen, mich fürchterlich zu langweilen, als ein Kumpel vorbeikam, der auch nicht in den Urlaub gefahren war, weil er es geschafft hatte, sich ins Heizhaus abkommandieren zu lassen. Ein guter Job, immer schön warm, das bißchen Kohleschippen kein Problem, genug zu trinken und sein eigener Herr, keiner, der einen triezen wollte, keiner, der einen kontrollierte. Der nun, ein kleiner Dicker, Wusti genannt, im Zivilleben Fleischer, war ein netter Kerl, wir hatten schon etliche Flaschen miteinander geleert während der vergangenen Monate, hörte von meinem kleinen Mißgeschick, tauchte im Knast auf und präsentierte einen Zettel seines Vorgesetzten: Er brauche jemanden, der ihm beim Kohleschippen hilft. Ob jemand im Knast sitze, der dafür in Frage komme? Ich war der einzige Insasse, und so zogen wir lachend von dannen, um in seinem Heizhaus erstmal eine Flasche aufzumachen, Blauer Würger, wenn ich mich recht besinne.

Abends brachte er mich zurück und forderte mich am nächsten Tag wieder an. Am dritten Tag hatte er andere Aufgaben, aber da hat mich Soldat Lampe angefordert, ein anderer Kumpel, der ganz allein ein leeres Gebäude bewachen mußte und auch mal schlafen wollte. Tat er dann aber nicht, weil wir zusammen tierisch abbissen. Als ich abends schwankend in den Knast zurückkam, fand gerade eine Kontrolle durch den Offizier vom Dienst statt, und ich bemühte mich sehr, einigermaßen gerade zu stehen und ihn nicht merken zu lassen, daß in meinem Stiefel eine Flasche Rotwein steckt. Es ging aber alles gut, und später, als Meister Lampe mal im Knast saß, schob ich ihm von draußen Flaschen durch die Gitter.

Das alles mag nach viel Spaß klingen, aber so war es nicht, all das Gesaufe und die Insubordination, das war reine Notwehr, gegen die Leute gerichtet, die unsere Seelen zertrampeln wollten. Die Armeezeit war so grauenhaft sinnlos und verschwendet, daß man jede nur denkbare Möglichkeit ergriff, die Zeit zu verkürzen. Alkohol, obgleich natürlich verboten, war am besten geeignet, und die Nachmittage in Warnemünde bei gutem Wetter waren sogar ganz nett; man konnte damals auch mit wenig Geld in akzeptablen Restaurants essen und trinken, und die Abende und Nächte in der Storchenbar und dem Tanzschuppen Trocadero waren spektakulär.

Verbreitetes Mittel gegen Langeweile war auch Gezocke. Poker gab es damals nur in den Ausläufern des wilden Westens, in der DDR-Armee spielte man 17 und 4 um Geld. Ich scheffelte keine Reichtümer, gewann aber mehr als ich verlor, einfach, weil ich mir gut merken konnte, welche Karten schon aus dem Spiel waren und welche demzufolge mit ungefähr welcher Wahrscheinlichkeit daher als nächste kämen. Auch spielte ich nie um wirklich große Beträge; als ich mit einer Mittelohrentzünung im "Medpunkt" genannten Krankenrevier lag, ging ich immer mit einer Bademanteltasche voller Scheine in das jeweilige Zockerzimmer, kam manchmal mit beiden Taschen voller Geld wieder heraus, manchmal aber auch mit weniger. Aber es handelte sich nie um mehr als zweihundert oder dreihundert Mark (ungefähr eine Monatsbesoldung), während andere da um mehrere Tausender zockten.

Ganz kurz vor dem Ende der DDR wurde die Möglichkeit geschaffen, Zivildienst zu leisten. Dafür bewarb ich mich sofort und konnte auf diese Weise einen Monat Dienstzeit sparen und mußte auch die Knast-Tage nicht nachdienen. Der Preis dafür bestand in jährlichen Briefen des zuständigen Amtes, ich möge mich bereithalten, meinen fünfzehnmonatigen Zivildienst vollständig (!) zu leisten. Das ging bis Mitte der 90er Jahre, und jedesmal schickte ich denselben Brief zurück, offiziell ein Widerspruch gegen die geplante Einberufung, tatsächlich das schriftliche Äquivalent eines Stinkefingers.