Der Wundercomputer

Vielleicht hätte die DDR länger existiert, wenn es mehr Computer gegeben hätte. Das ist nicht sehr wahrscheinlich, aber Computer können bekanntlich fast alles, vielleicht sogar marode Staaten sanieren.

Es gab aber nicht so viele Computer; erst ziemlich kurz vor der Wende konnte man gelegentlich einen bekommen, zumindest, wenn man Beziehungen hatte. Irgendwelche Beziehungen hatten natürlich die meisten, ich auch, und so durfte mir öfter mal über das Wochenende einen Home-Computer ausleihen. Das war eine schwarzlackierte Metallkiste mit einer Frontblende aus Alublech, aus der ein paar Knöpfe und Leuchtdioden hervorragten. Diese Kiste hieß KC85/3 und war nur etwa zwanzigmal langsamer als die im Westen zur gleichen Zeit aktuellen Ataris und Amigas. Ich hatte mir gerade die Anfangsgründe der Programmiersprache Basic beigebracht und frickelte oft das halbe Wochenende an einem Vier-Gewinnt-Programm.

Der KC85/3 zeigte seine Wahnsinnsgrafik auf einem Fernseher, und meine Oma Gerda, bei der ich damals wohnte, hatte große Angst, daß die kostbare Flimmerkiste durch solch unsachgemäße Benutzung Schaden nehmen könnte. Damals galten Fernseher als Luxusartikel und kosteten den Gegenwert etlicher Monatslöhne, wenn man denn überhaupt vernünftige Geräte zu kaufen bekam, bunt, mit SECAM- und PAL-Decoder. Ständig versuchte Oma also, die Zeit zu reglementieren, die der Computer am Fernseher hing. Das kann ziemlich nerven, und irgendwann plante ich den Gegenschlag.

Die Zeit war reif, als Gerda mal wieder nörgelte: „Immer läßt du so lange den neuen Fernseher laufen!“

„Oma, der Fernseher ist fünf Jahre alt, der ist nicht mehr neu.“

„Fünf Jahre ist so gut wie neu, ich habe ihn ja geschont. Bis jetzt, und du nudelst ihn kaputt.“

Oma lebte tatsächlich im festen Glauben, man dürfe Fernseher höchstens eine Stunde am Tag betreiben.

„Wofür ist so ein Ding überhaupt gut? Du tippst da immer und tippst, was soll das denn?“, fragte sie, in der Überzeugung, ich müsse nun zugeben, ein Computer sei nur sinnlose Spielerei.

„Oooch, damit kann man alles mögliche anstellen, Schach spielen, die Haushaltsabrechnung machen, Briefe schreiben, ausrechnen, wie alt jemand wird. Sowas eben.“, antwortete ich gelangweilt.

„Was, was? Ausrechnen, wie alt man wird?“

„Ja klar, ist doch nichts besonderes mehr.“

„Kannst du mir nicht mal ausrechnen, wie alt ich werde?“

„Natürlich, wenn dich das interessiert.“ Ich gab mich weiterhin gelangweilt.

„Na, mach doch mal, mach doch mal!“, gackerte sie aufgeregt.

„Hab‘ jetzt keine Zeit, vielleicht heute abend.“

„Vor dem Abendbrot, ja? Mach doch mal, ich hab‘ dir doch auch den teuren Plattenspieler gekauft!“

Da war was dran, und so sagte ich zu. In den nächsten zwei Stunden raffte ich meine spärlichen Anfängerkenntnisse in Basic zusammen und schrieb das Lebensalter-Kalkulations-Programm, mit separaten Zweigen für Oma Gerda, für mich und für meinen Urgroßvater, der zwei Hauseingänge weiter wohnte. Die Nachbarinnen im Haus mußte ich nicht berücksichtigen, weil Oma mit ihnen zerstritten war.

Vor dem Abendessen war das Programm einsatzbereit, und eine ziemlich nervöse Großmutter mußte die Fragen des schlauen Computers beantworten. Wie alt, wie viele Schwangerschaften, Arbeitsjahre und so weiter.

„Wie groß sind sie?“

„Einssechzig.“

„Wieviel wiegen sie?“

„91 Kilo.“

Der Bildschirm blinkte rot: „Sie haben starkes Übergewicht!“

Oma Gerda legte die Hand vor den Mund. „Guck mal, das merkt der gleich!“, murmelte sie erschrocken.

„Bitte legen sie ihren rechten Daumen auf den Meßpunkt links neben dem Netzschalter!“

Ich zeigte ihr den „Meßpunkt“, und sie preßte ihren feuchten Daumen darauf. Der Rechner fing an, verworrene Sinuskurven auf den Bildschirm zu zeichnen, eine Minute lang, zwei Minuten. Dann erschien eine Mitteilung: „Alle benötigen Daten gesammelt. Berechne wahrscheinliche Lebenserwartung. Bitte etwas Geduld!“

Die folgende Kunstpause war das psychologische Kernstück des Programms – es wirkt einfach viel überzeugender, wenn es länger dauert, denn das Lebensalter zu berechnen ist natürlich eine höchst schwierige Aufgabe, selbst für einen Computer. Nach einer Weile piepste der Rechner und gab das Resultat seiner Mühe bekannt: „Wenn sie es schaffen, ihr Übergewicht zu reduzieren, können sie 95 Jahre alt werden. Bleiben sie so fett, werden sie mit 83 ins Gras beißen! Bitte Taste drücken.“

„Ach herrjeh, da habe ich ja bloß noch neun Jahre!“

„Ja, wenn du nicht endlich ein bißchen abnimmst“, gab ich zurück.

„Ab heute esse ich weniger! Meine Güte, neun Jahre!“ Oma überlegte. „Mach‘ du mal!“

Meine weise Voraussicht hatte sich ausgezahlt; das Programm attestierte mir ein Maximalalter von 98 Jahren.

„Donnerwetter, älter als ich!“, sagte sie. „Und jetzt holen wir Opa!“

Das Wort „cool“ wurde extra für meinen Urgroßvater erfunden. Man überlebt nicht einfach so zwei Weltkriege ohne eine gewisse Nonchalance. Uropa kam, ließ sich die Sache erklären und sah mich an, aber in seinem Gesicht zuckte kein Muskel. Stoisch folgte er der Prozedur und lege seinen Daumen auf den Meßpunkt, den sein Handwerkerauge mühelos als gewöhnliche Gehäusestelle identifizierte. Er war schon über 90, darum ließ ich ihn 105 werden.

„Erstaunlich, was die Computer heute so können. Damit hätten wir damals den Krieg bestimmt gewonnen“, sagte er, der im Dritten Reich nicht das mindeste Interesse an einem erfolgreichen Kriegsausgang gehabt hatte, denn er war alter Kommunist und länger in der Partei als Honecker. Dann ging er wieder, um hinter seinem Ofen zu sitzen und stinkende Zigarren zu paffen.

Oma Gerda arbeitete damals als Pförtnerin, was für Rentner in der DDR ziemlich normal war, und erzählte all ihren Kolleginnen vom Wundercomputer. Zum Glück brachte sie keine davon mit zum Lebensaltermessen, denn das hätte für mich schnell in Streß ausarten können. Sie aß auch weniger, nur drei oder vier Kartoffeln statt 15, wie sonst immer, und verzichtete sogar darauf, die Knollen in braungebratener Butter zu ertränken.

Eines Tages kam ich nach Hause und sah sie am Küchentisch sitzen, mit einer halben Tonne gekochter Kartoffeln vor sich und Backen wie ein gewaltiger Hamster.

„Du oller Lügner!“, empfing sie mich. „Ich habe deine Mutter getroffen und ihr erzählt, was du ausgerechnet hast und was ich alles eintippen mußte. Weißt du, was sie mich gefragt hat? Ob ich auch meine Schuhgröße eingeben mußte. Das funktioniert überhaupt nicht, du hast mich reingelegt!“

„Ach Oma, es war doch für einen guten Zweck. Du hast ja auch weniger gegessen!“

„Ja ja“, sagte sie und holte sich einen Nachschlag, „ich bin viel zu dick, ich muß wirklich mal abnehmen.“