Der Busfahrer

„Horst, kommst du mal bitte?“

„Ja Chef. Was gibt‘s“?

„Wir haben hier Beschwerden von zwei Fahrgästen. Dein Bus kam gestern dreieinhalb Minuten zu spät zum Bahnhof.“

„Stimmt, Chef.“

„Stimmt? Da saß einer vom Vorstand drin, da kannst du doch nicht zu spät kommen! Ich muß da jetzt nachhaken! Wie kam das denn?“

„Na, es war Berufsverkehr. Da sind die Straßen voll.“

„Und, was können wir tun, damit das nicht wieder geschieht?“

„Wir könnten den Fahrplan anpassen, Chef. Einfach im Berufsverkehr ein bißchen längere Fahrzeit einplanen, dann wird das meistens klappen.“

„Wieso meistens?“

„Kann ja auch mal Stau sein.“

„Ach so, nein nein, das geht gar nicht, wir müssen den Fahrplan einhalten, egal ob Berufsverkehr oder Stau, da gibt es nichts zu reden. Wie können wir dich entlasten?“

„Entlasten?“

„Ja klar, damit du immer pünktlich bist. Wir geben dir im Berufsverkehr einfach einen zweiten Busfahrer mit. Zu zweit schafft ihr das doch besser.“

„Es kann doch immer nur einer den Bus fahren.“

„Aber vielleicht kann dich der zweite Fahrer anders unterstützen.“

„Wie denn, Chef?“

„Das möchte ich ja gerade von dir hören. Ich mache nur Vorschläge, aber ich stecke nicht so drin im Thema. Da muß von dir auch was kommen.“

„Ich weiß aber nicht, wie ein zweiter Fahrer nutzen soll.“

„Gut, aber wie gehen wir jetzt mit dieser Herausforderung um?“

„Er könnte Fahrkarten verkaufen.“

„Genau! Sehr schön. Und dann wärt ihr pünktlich!“

„Nein. Berufsverkehr wäre ja immer noch.“

„Was erwartest du denn? Mehr als einen zweiten Mann mitgeben kann ich doch wirklich nicht! Das würde nicht jeder Vorgesetzte für dich machen.“

„Aber wenn es doch nichts nutzt!“

„Wir haben noch Geld übrig und könnten dich auf eine Schulung schicken.“

„Auf eine Berufsverkehr-Schulung?“

„Bitte bleib‘ sachlich. Ich bemühe mich, um dich zu unterstützen, und du kommst mir dumm.“

„Tut mir leid, Chef.“

„Stimmt irgendwas mit deiner Work-Life-Balance nicht?“

„Hä?“

„Geht es dir gut? Fühlst du dich deiner verantwortungsvollen Busfahrer-Tätigkeit gewachsen?“

„Ja ja, klar Chef, ich bin hier schon 20 Jahre gefahren, bevor sie zu uns kamen.“

„Man kann auch 20 Jahre lang alles verkehrt machen, aber darüber reden wir ein andermal. Ist zu Hause alles okay bei dir?“

„Schon, ja, obwohl meine Tochter immer noch im Krankenhaus ...“

„Na, das gehört jetzt nicht hierher. Wir müssen etwas gegen Unpünktlichkeit tun, der Verwaltungsrat hat schon bei mir angefragt.“

„Was sagen denn die anderen Fahrer?“

„Hm, Gerd und Dieter, die sind gestern auch zu spät angekommen. Ich schlage vor, ihr drei setzt euch mal zusammen und arbeitet ein paar Lösungsvorschläge aus.“

„Was für Lösungsvorschläge?“

„Das sollt ihr ja dann besprechen.“

„Wann denn?“

„Morgen, gleich zum Dienstbeginn. Ich komme auch und leite die Besprechung. Du schreibst dann ein Protokoll.“

„Aber das schaffe ich gar nicht, ich muß doch mit dem Bus los!“

„Die Priorisierung eurer Aufgaben mußt du schon mir überlassen, ich bin schließlich Manager. Ein Protokoll ist wichtig.“

„Wichtiger als pünktlich loszufahren?“

„So kann man das doch nicht sagen. Das Protokoll geht ganz nach oben und zeigt, daß wir das Problem erkannt und konkrete Richtlinen ausgearbeitet haben, um unsere Pünktlichkeit zu verbessern. Dafür kann man doch wirklich mal ein paar Minuten Verspätung in Kauf nehmen.“