Wie ich beinahe ein Flugzeug entführte
Nagelscheren sind gefährliche Waffen, das weiß jeder, der jemanden kennt, dessen Bekannter schon einmal versucht hat, mit solch einem Mordinstrument im Handgepäck nach Amerika zu fliegen. Schauergeschichten, oder? So doof können selbst die Amis nicht sein. Können sie aber doch; einmal mußte tatsächlich ein Jumbo umkehren, weil ein Küchenmesser ungeklärter Herkunft an Bord gefunden wurde. Verantwortlich dafür waren Leute, die in einem Land aufgewachsen sind, in dem jeder Dorfdepp eine großkalibrige Wumme im Schrank lagert. Gut, aus Schaden wird man auch als Amerikaner manchmal klug, und Wolkenkratzer kosten viel Geld, also besser nichts riskieren und Küchenmesser, Nagelscheren und Erdnußdosendeckel einsammeln.
Wenn alle Nationen so hohe Sicherheitsstandards hätten, würden keine Flugzeuge mehr entführt, zumindest nicht mit Küchenmessern oder Nagelscheren. Haben sie aber nicht, die anderen Nationen, allerdings haben sie auch weniger Hochhäuser. In geradezu erschreckender Weise schlampen die Franzosen und die Schweizer. Ja, die Schweizer! Wer hätte das gedacht? Ich jedenfalls nicht, als ich im Transitbereich des Baseler Flughafens die erschreckende Entdeckung machte, daß mein Leatherman im Handgepäck mitreist. Ein Leatherman, so scharf wie ein Laserskalpell, mit genug Klingen, um mehr als eine Flugzeugbesatzung abzuschlachten. Ein kräftiger Adrenalinstoß spülte tiefrote Verlegenheit in mein Gesicht. Vielleicht merkt es ja keiner? Die Kontrolleure in Frankreich streikten zwar ausnahmsweise nicht, hatten das Leatherman aber übersehen, für ein Handy gehalten oder sich nicht zuständig gefühlt. Doch konnte es Illusionen geben? Die gründlichen Schweizer würden das potentielle Entführungsinstrument entdecken, mich einsperren und wahrscheinlich nach Guantanamo deportieren. Die CIA weiß genau, wie man mit jemandem spricht, der ein Leatherman in ein Flugzeug zu schmuggeln versucht!
Zitternd trat ich zum Check-In und erklärte umständlich, dass ich den Flieger Nizza-Basel nicht entführt habe und auch für die nähere Zukunft keine Attentate plane, gewärtig, mein teures Reiseutensil in einer Asservatenkammer verschwinden zu sehen.
„Ach, ein Leatherman, das macht doch nichts“, krächzte die Kontolleuse in ihrem Bergdialekt und lächelte freundlich. Nachdem mein Übersetzungs-Unterprogramm den Sinn dieser Worte entschlüsselt hatte, muß ich ziemlich dämlich geschaut haben, denn die Dame wiederholte den Satz in einer Sprache, die sie offenbar für verständliches Hochdeutsch hielt. Schweizer klingen, als ob sie Kehlkopfkrebs hätten, aber sie haben ein Faible für gute Messer, auch wenn sie von der Konkurrenz stammen. Ich durfte einchecken. Mit dem Leatherman.
Später, im bequemen Business-Class-Sitz, boten mir freundliche Stewardessen einen Pfirsichwein an, dann noch einen, noch einen und noch einen. Ich überlegte, ob mir in letzter Zeit irgendein Hochhaus besonders unangenehm aufgefallen war. Alle Möglichkeiten standen mir offen, ich hatte ein Leatherman, war also der bestbewaffnete Mann an Bord, ein Blofeld unter Konfirmanten. Aber keine der mir bekannten Beton-Scheußlichkeiten fand ich so unsympathisch, daß ich sie unter Einsatz meines Lebens aus der Skyline Hannovers hätte bomben wollen. Ich blickte auf. Das reichte, um eine hübsche blonde Stewardess anzulocken.
„Möchten sie noch einen Pfirsichwein?“
„Ja bitte“, antwortete ich mit schwerer Zunge.