Das Manager-Reptil
Ich hätte nicht das Herz, jemandem zu verbieten, ins Telefon zu schluchzen, wenn sich gerade die Liebe seines Lebens von ihm getrennt hat. Anders sieht es aus, wenn einer während einer Drei-Stunden-Fahrt seiner Angebeteten permanent eine Streckenbeschreibung durchgibt. „Sind gerade in Kassel, nein, hier regnet es nicht, oh, so viele Bäume ...“, da kommt mir das Fischbrötchen wieder hoch.
Neulich hatte ich Glück: ein ganz normales Abteil, die Leute angenehm stieselig und nur darauf bedacht, in Ruhe ein Nickerchen zu halten ... bis so eine Manager-Schlampe einstieg. Typ ältliche Karriere-Frau, faltiger, dürrer Leguan-Hals aus dem Nadelstreifen-Anzug ragend, das Reptiliengesicht hin- und herzuckend, Laptop-Tasche an der Schulter und Rollköfferchen im Schlepptau. Das Wesen begann sogleich, das schnarchige Abteil in ein Büro zu verwandeln und züngelte ins Telefon.
Das Reptil managte von Frankfurt bis Kassel pausenlos vor sich hin, ohne irgendetwas erkennbar Sinnvolles zu erreichen. „Ja, die Software ist in der QS. Wie gehts bei euch, noch nicht fertig?“ ... „Hallo QS? Nein, das ist noch nicht so weit. Wie lange braucht ihr noch?“, und so weiter, die ganze Zeit verbrachte es damit, anderen, die offenbar zu arbeiten versuchten, die Zeit zu stehlen, und nebenbei noch den Mitreisenden Nerven und Schlaf zu rauben.
Meine persönliche Art, die Nützlichkeit einer Berufsgruppe grob zu schätzen, besteht darin, mir vorzustellen, weltweit die Hälfte ihrer Repräsentanten zu erschießen. Würde das jemand bemerken, abgesehen von den nächsten Angehörigen? Wäre die Welt hinterher ein besserer oder schlechterer Ort? Funktioniert gut: wenn wir die Hälfte aller Kinderkrankenschwestern umbrächten, die Hälfte aller Bäcker, Autoschlosser, Müllmänner, bräche schnell Chaos aus. Die Hälfte aller Rechtsanwälte oder Unternehmensberater zu erschießen dagegen würde am ehesten den Wunsch wecken, den Rest auch noch umzunieten, wenn man eh gerade dabei ist. Erschösse man jeden zweiten Manager, fiele das wahrscheinlich kaum auf, abgesehen davon, daß viele Projekte in kürzerer Zeit abgeschlossen wären, und in besserer Qualität.
Erstaunlich finde ich auch, daß gerade die überflüssigsten Berufsgruppen am tiefsten vom Gefühl der eigenen Wichtigkeit durchdrungen sind. Sowas führt oft zu Rücksichtslosigkeit, wie im Falle meiner persönlichen Abteil-Managerin. Als ich mich schließlich mit ausgesuchter Geringschätzung an sie wandte und sagte: „Gute Frau, möchten sie so höflich sein, ihre Telefonkonferenz im Gang fortzusetzen?“, sah sie mich an, als hätte ich angeboten, ihr zwei Liter Frittenfett ins Rektum zu pumpen. Nach gefühlt einer Minute fassungslosen Starrens, wie ein offensichtlich völlig unwichtiger Mensch aus einem gewöhnlichen Zugabteil sich erdreisten könne, sie der Unhöflichkeit zu zeihen, gar wegen solcher Selbstverständlichkeit wie öffentlichen Telefonierens, zuckte ihr Leguan-Hals kurz, und sie ging hinaus, ohne weitere Aufmerksamkeit an mich zu verschwenden. Vielleicht schreibt sie gerade eine Geschichte über einen Idioten, der ihr im Zugabteil das Telefonieren verbieten wollte.