Der Bowmore

Mein Vater liebt schottischen Whisky. Das darf er als hart arbeitender Mann auch, der sich die ganze Woche für einen Baubetrieb abrackert und nach Feierabend am Haus und im Garten werkelt. Eines Freitags kam er von der Arbeit und ließ sich mit einem zufriedenen Seufzer in seinen Sessel fallen. Meine Mutter bemerkte das mit Mißbilligung.

„Wolltest du nicht noch den Rasen mähen?“, fragte sie.

„Mache ich nachher, Schnuffel“, flötete er. Meine Eltern nennen sich gegenseitig Schnuffel, wenn sie sich ihre Liebe zeigen wollen.

„Nachher, immer nachher“, murmelte sie gut hörbar vor sich hin und verließ den Raum, um in der Küche demonstrativ mit irgendwelchen Töpfen zu klappern. Mein Vater blickte ihr liebevoll nach und zog dann einen mit Bowmore beschrifteten Papp-Tubus aus seiner Aktentasche. Er öffnete ihn aber nicht sofort, sondern betrachtete ihn konzentriert. Zum Whisky-Genuß gehört eben auch die Vorfreude. Da betrat wieder meine Mutter den Raum. „Hast du dir schon wieder was zum Saufen gekauft?“, fragte sie in scharfem Ton. „Wer soll das denn alles bezahlen?“

Unter Rechtfertigungszwang mußte mein Vater zugeben, daß er von seiner Firma Urlaubsgeld bekommen und nicht nur den Whisky, sondern auch ein Paar Schuhe gekauft hatte. „Schuhe? Du hast doch so viele Schuhe, warum kaufst du noch welche? Wir haben nicht soviel Geld!“, schimpfte sie. Meinen Vorschlag, doch mal durchzuzählen, wer von den beiden wohl mehr Schuhe im Schrank habe, überging sie mit einem knappen „So ein Quatsch.“ Kopfschüttelnd ging sie hinaus. Mein Vater blickte ihr liebevoll nach und zog die Flasche aus der Verpackung.

Als Kenner schätzt er am Bowmore den kräftigen, aber feinen Geschmack, das raffinierte Zusammenwirken der Aromen, die austarierte Geschmackskombination aus salziger Seeluft und süßem Sherry. Im Vorgefühl kommenden Genusses schwelgend betrachtete mein Vater das edle Getränk, als meine Mutter wieder auf der Bildfläche erschien. „Willst du noch mehr saufen? Du hast schon eine ganz rote Nase. Und wer mäht den Rasen? Du doch wohl bestimmt nicht mehr, so besoffen, wie du bist!“

„Aber Schnuffel, ich habe noch gar nichts getrunken“, sagte mein Vater.

„Und wovon ist dann deine Nase so rot? Geh lieber Rasen mähen!“

„Gleich, Schuffel, ich will nur kurz entspannen.“

„Entspannen? Saufen willst du!“, schnappte sie und verließ den Raum. Mein Vater sah ihr liebevoll nach und holte zwei Gläser aus dem Schrank. Guten Whisky soll man in aller Ruhe und am besten in Gesellschaft genießen, darum gibt es Söhne und sogenannte Nosing-Gläser, die sich nach oben verjüngen und manchmal einen Glasdeckel haben, damit das Aroma nicht verfliegt. Nur Barbaren würden Bowmore Darkest aus einem Tumbler auf Ex trinken und wahrscheinlich, damit auch alles stilecht barbarisch ist, auch noch Eis hineinwerfen. Mein Vater dagegen ist ein Genießer, der weiß, wie man schottischen Single Malt stilvoll zu sich nimmt. Bedächtig löste er die Versiegelung vom Flaschenhals und zog den Korken heraus, der dabei einschmeichelnd ploppte. Dann füllte er in beide Gläser ein wenig von der öligen Flüssigkeit und ließ auch noch etwas Wasser hineintropfen, um die Aromen zu lösen.

Meine Mutter betrat den Raum. „Siehst du, ich habe es ja gewußt, das wird nichts mehr mit Rasen mähen heute. Du bist stinkbesoffen und lallst nur noch.“

„Ich habe doch gar nichts gesagt, und getrunken auch noch nichts“, erwiderte mein Vater.

„Erzähl doch nicht. Morgen bekommen wir Besuch, und der Rasen ist nicht gemäht. Und du sitzt hier nur rum und säufst. Ich kann doch nicht alles alleine machen!“

Mein Vater stand auf und ging hinaus, um den Rasen zu mähen. Meine Mutter schaute ihm liebevoll nach und meinte: „Ach, wenn er nur nicht so träge wäre, ich muß ihn immer erst in den Hintern treten, bevor er irgendwas macht.“

Ich stimmte ihr schweigend zu, nahm den Deckel und legte ihn auf sein Whiskyglas.