Herr König
Warum ich ins Gefängnis gekommen bin? Na, weil ich ein Auto kaputtgemacht habe. Absichtlich, geplant und systematisch. Mit einem Baseball-Schläger. Ich weiß, daß das falsch war, aber es hat mich erleichtert. Alles fing vor etwa einem Jahr an: Es klingelte an meiner Haustür. Davor stand ein dicker Mann im Anzug, mit Schlips und schwarzen Schuhen. Er wirkte sehr seriös, jedenfalls seröser als ich; allerdings gehört dazu nicht viel. Mit freundlicher, ganz leicht herablassender Stimme fragte er, ob ich denn ausreichend versichert sei.
Das wußte ich gar nicht, was ihn zu erschrecken schien. Herr König, so sein Name, den er mir verriet, als wir in meinem Wohnzimmer beim Kaffee saßen, fand, daß ich mich sehr nett eingerichtet hatte. „Aber, Herr Bremer, stellen sie sich mal vor, wenn ein Feuer ausbricht! Haben sie genug Geld, alles neu zu kaufen?“
Natürlich nicht. Damit hatte Herr König gerechnet, darum bot er mir an, daß er in einem solchen Fall für den Schaden aufkäme. Ich müsse ihm nur jeden Monat eine kleine Summe überweisen, und wenn irgendwann mein Haus abbrennt, bezahlt er mir eine neue Einrichtung, mit allem Pipapo. Das hat mich überzeugt, also unterschrieb ich einen Vertrag, der aus vielen Seiten mit unglaublich winziger Schrift bestand. Abends im Bett bekam ich Schweißausbrüche, weil ich so viele Jahre sorglos vor mich hingelebt hatte, ohne daran zu denken, daß nur schieres Glück mich die ganze Zeit vor dem völligen Ruin durch einen Wohnungsbrand bewahrte. Mit dem beruhigenden Gefühl, jetzt auf der sicheren Seite zu sein, schlief ich ein.
Ein paar Tage später besuchte mich Herr König wieder. Ob ich zufrieden sei, wollte er wissen. Ich überschüttete ihn mit Dank, und, aus Versehen, auch mit Kaffee. Er war mir aber nicht böse, sondern fragte, ob ich eine Haftpflichtversicherung besäße, die mir in solchen Fällen die nötigen Auslagen erstatte, für die Reinigung von Anzügen beispielsweise, Schmerzensgeld wegen Verbrühungen und so weiter. Als er eine Stunde später ging, fühlte ich mich auch gegen meine eigene Tolpatschigkeit versichert.
Beim nächsten Besuch des netten Herrn König sprachen wir über böse Nachbarn, uneinsichtige Unfallgegner und Justizirrtümer. Bekanntlich reicht es ja, um sein Recht zu bekommen, keinesfalls aus, im Recht zu sein. Darum empfahl mir Herr König eine Rechtschutz-Versicherung. Ich war ihm dankbar, weil er sich so rührend um meine Sicherheit kümmerte. Daß man versichert sein muß, um einen Prozeß führen zu können, wäre mir nie eingefallen. Ein paar Tage später versicherte Herr König mein Leben. Wenn mir etwas zustieße, sollten doch meine Kinder ihr Auskommen haben. Hinzu kamen eine Unfallversicherung, eine Berufsunfähigkeitsversicherung, eine private Renten- und eine Krankenversicherung.
Das beruhigende Gefühl der Sicherheit, welches mich nach Abschluß meiner ersten Versicherung so sanft umhüllt hatte, stellte sich jedoch immer seltener ein, war ich doch keinesfalls gegen jedes mögliche Unglück versichert! Früher, ja, da lebte ich unbekümmert in den Tag hinein. Diese Nonchalance verstand ich immer weniger, ich mutierte zu einem Experten, nein, zu einem Großmeister der Schwarzmalerei. Viele meiner Freunde verstanden das nicht und gingen auf Distanz, allein Herr König hielt zu mir und nahm meine Sorgen ernst. Längst schon kam er nicht mehr mit seinem verbeulten alten Ford, sondern mit einem nagelneuen Audi; auch wurde er zum bundesweit besten Verkäufer seiner Versicherung gekürt und mit einem Urlaub auf den Malediven belohnt. Mir wäre so eine Reise zu riskant gewesen, aber Herr König, als Versicherungsangestellter, konnte es vielleicht wagen. Es waren schlimme zwei Wochen, die ich allein verbringen mußte, ohne ihn; ich traute mich kaum aus dem Haus vor Angst, etwas könnte passieren, gegen das ich nicht versichert war.
Braungebrannt von den Malediven zurück, versicherte er mich gegen praktisch alles. Ich bestand sogar darauf, mich gegen Asteroiden-Einschläge zu versichern, und am Abend stand ich auf dem Hof und schüttelte die Faust gegen den Himmel. „Kommt nur, ihr Steinklumpen, mir tut ihr nichts, ich bin versichert!“, brüllte ich. Ein paar Fenster gingen auf, und meine Nachbarn sahen kopfschüttelnd auf mich herab. Es war mir egal. Wenn ein Asteroid einschlüge, würde ich über sie lachen. Wenn nicht, hatte ich freilich ein Problem, denn ich gab jetzt jeden Monat mehr für Versicherungen aus, als ich verdiente. Meine Spareinlagen schmolzen schneller dahin als die Polkappen. Ich überlegte, ob man sich gegen Versicherungen versichern kann, als ein Glücksfall eintrat: Im Heizkessel unseres Hauses platzte ein Wasserrohr, und er explodierte mit großer Wucht. Wo vorher das Haus stand, lagen nur noch rauchende Trümmer.
Die überlebenden Nachbarn schienen betrübt, ich aber rieb mir die Hände. Kurze Zeit später traf Herr König ein. Er war voller Mitgefühl. Natürlich werde seine Versicherung meinen Schaden voll ersetzen, meinte er. Ich solle ihm am besten gleich alle Rechnungen geben, um keine Zeit zu verlieren. Ich fragte, von welchen Rechnungen er rede, und er meinte, von allen. Ich verstand nicht. Er erklärte mir, daß die Versicherung von allem, was ich besessen hatte, die Kaufbelege braucht, denn wie sonst könne sie wissen, wieviel Geld mir zustehe? Da wäre ja Versicherungsbetrug Tür und Tor geöffnet, wenn man zahlte, ohne Belege zu haben! Ich hatte jede Menge Rechnungen, sie lagen in einer Kiste unter meinem Bett, welches in der Explosion verbrannt war.
Herr König zuckte bedauernd die Schultern. Keine Rechnungen, keine Versicherungsleistung, meinte er. Da zog ich einen angekohlten Baseball-Schläger aus dem qualmenden Schutt und prügelte so lange auf seinen silbergrauen Audi ein, bis mir die Puste ausging. Und nun sitze ich im Gefängnis. Da habe ich wenigstens ein Dach über dem Kopf.